top of page

Wenn das Herz mitredet

Autorenbild: Mark Ehrsam
Mark Ehrsam
vor 3 Tagen
5 Min. Lesezeit

Über Herzintelligenz, die leisen Stimmen in uns und die wunderbare Kunst, nicht alles mit dem Kopf entscheiden zu müssen.


Stell dir vor, in deinem Inneren findet eine Sitzung statt. Am Tisch sitzen drei ziemlich unterschiedliche Persönlichkeiten. Der Kopf hat seinen Laptop aufgeklappt. Vor ihm liegen Fakten, Erfahrungen, Risiken und eine sauber strukturierte Pro-und-Contra-Liste. Der Bauch sitzt etwas ungeduldig daneben. Er hat die Entscheidung eigentlich längst getroffen, kann aber nicht so genau erklären, warum. Und das Herz? Das schaut aus dem Fenster, lächelt und fragt:

«Und was davon macht uns eigentlich glücklich?»


Kurze Stille.

Der Kopf räuspert sich.

Der Bauch grinst.


Und plötzlich wird aus einer einfachen Entscheidung eine ziemlich spannende Angelegenheit.

Willkommen in der Welt der Herzintelligenz.


Moment mal – kann unser Herz überhaupt denken?


Eine berechtigte Frage. Schliesslich haben wir ein Gehirn zum Denken. Unser Herz hingegen sorgt dafür, dass Blut durch unseren Körper fliesst. Und trotzdem sprechen wir ständig vom Herzen.

Wir treffen Herzensentscheidungen. Etwas liegt uns am Herzen. Unser Herz schlägt höher. Manchmal ist es schwer, manchmal hüpft es vor Freude. Ist das alles nur romantische Sprache?

Nicht ganz. Unser Herz und unser Gehirn stehen tatsächlich in ständigem Austausch. Über das Nervensystem und weitere körperliche Signalwege beeinflussen sie sich gegenseitig. Wenn wir aufgeregt sind, schlägt unser Herz häufig schneller. Wenn wir entspannt sind, verändern sich Herzschlag und Atmung. Unser Gehirn verarbeitet solche Körpersignale mit. Sie können beeinflussen, wie wir uns fühlen und Situationen wahrnehmen. In der Wissenschaft spricht man dabei unter anderem von Interozeption – der Wahrnehmung innerer körperlicher Vorgänge.

Doch eines ist wichtig: Das Herz besitzt keine eigenständige Denkfähigkeit wie unser Gehirn.

Herzintelligenz ist deshalb vor allem ein schönes Bild für etwas zutiefst Menschliches.

Die Fähigkeit, nicht nur klug zu denken, sondern auch bewusst zu fühlen.


Der klügste Mensch im Raum ist nicht immer der weiseste


Kennst du Menschen, die auf fast jede Frage eine Antwort haben? Sie können analysieren, argumentieren, planen und erklären. Beeindruckend. Und dann gibt es diese anderen Menschen.

Sie hören zu. Sie bemerken, wenn es jemandem nicht gut geht. Sie finden manchmal die richtigen Worte, ohne lange darüber nachzudenken. Sie müssen nicht immer recht haben. Aber sie haben ein Gespür für das, was gerade wichtig ist.


Vielleicht liegt darin ein Teil dessen, was wir Herzintelligenz nennen. Nicht darin, möglichst viel zu wissen. Sondern darin, mit uns selbst und anderen in Verbindung zu bleiben. Empathie. Mitgefühl. Aufmerksamkeit. Menschlichkeit. Eigenschaften, die sich nicht einfach auf einer Tabelle messen lassen und dennoch unglaublich wertvoll sind. Man kann viel wissen, ohne alles zu verstehen. Und manchmal viel verstehen, ohne viele Worte zu brauchen.


Wenn der Kopf laut und das Herz leise wird


Unser Alltag ist ziemlich kopflastig. Wir denken voraus, planen Termine, lösen Probleme, vergleichen Möglichkeiten und treffen Entscheidungen. Das ist wunderbar. Ohne unseren Verstand wären wir ziemlich aufgeschmissen. Doch manchmal ist er so beschäftigt, dass wir kaum noch wahrnehmen, wie es uns eigentlich geht. Wir funktionieren. Wir erledigen. Wir machen weiter.

Und irgendwann merken wir vielleicht, dass etwas fehlt. Nicht unbedingt etwas Grosses.


Vielleicht einfach ein bisschen Leichtigkeit. Ein echtes Lachen. Ein Moment, in dem wir nicht darüber nachdenken müssen, was als Nächstes kommt. Das Herz steht in diesem Zusammenhang sinnbildlich für unsere Gefühle, Bedürfnisse und Werte. Für das, was uns berührt. Für das, was uns lebendig macht. Und vielleicht lohnt es sich, dieser Seite von uns wieder etwas mehr Aufmerksamkeit zu schenken.


Herz gegen Kopf? Bitte nicht!


Jetzt könnte man natürlich sagen: «Dann höre ich ab sofort nur noch auf mein Herz!» Klingt wunderbar romantisch. Ist aber vielleicht keine besonders gute Idee, wenn du gerade deine Steuererklärung machst oder eine Hypothek abschliesst. Gefühle sind wichtig. Aber sie sind nicht immer zuverlässige Ratgeber. Genauso wenig wie unser Verstand immer alle Antworten kennt.

Angst kann uns zurückhalten. Begeisterung kann uns übermütig machen. Und manchmal erscheint etwas logisch, obwohl es überhaupt nicht zu unseren Werten passt. Vielleicht geht es also gar nicht darum, wer recht hat. Sondern darum, dass beide mitreden dürfen. Der Kopf fragt: «Ist das sinnvoll?» Das Herz fragt: «Ist mir das wichtig?» Und gemeinsam entsteht vielleicht eine bessere Entscheidung. Nicht Herz statt Verstand. Sondern Herz mit Verstand.


Das Herz hat seinen eigenen Rhythmus


Eine interessante Verbindung zwischen Körper und Gefühlen zeigt sich bei unserem Herzschlag.

Unser Herz schlägt nämlich nicht wie ein perfekt eingestelltes Metronom. Die zeitlichen Abstände zwischen den Herzschlägen verändern sich laufend. Dieses Phänomen nennt sich Herzratenvariabilität, kurz HRV. Sie hängt unter anderem mit der Regulation unseres autonomen Nervensystems zusammen. Auch die Atmung beeinflusst unseren Herzrhythmus. Wenn wir ruhig und gleichmässig atmen, können sich Herzschlag und Atemrhythmus auf charakteristische Weise aufeinander abstimmen. Manche sprechen dabei von Herzkohärenz. Solche Zusammenhänge werden wissenschaftlich untersucht. Sie bedeuten allerdings nicht, dass unser Herz Gedanken aussendet oder mit einer geheimnisvollen Kraft unsere Umgebung verändert. Aber sie zeigen etwas Faszinierendes: Unser Körper ist kein Sammelsurium unabhängiger Einzelteile. Er ist ein Zusammenspiel. Atmung, Herzschlag, Nervensystem, Wahrnehmung und Gefühle hängen miteinander zusammen. Und manchmal merken wir erst, wie viel in uns geschieht, wenn wir einen Moment still werden.


Ein Bogen. Ein Atemzug. Ein Augenblick.


Stell dir einen Nachmittag draussen vor. Frische Luft. Vielleicht ein bisschen Wind. Irgendwo rascheln Blätter. Du hältst einen Bogen in der Hand. Für einen Moment gibt es keine E-Mails, keine Termine, keine To-do-Liste. Nur dich, den Bogen und eine Zielscheibe. Du findest deinen Stand.

Nimmst den Pfeil. Spürst die Spannung der Sehne. Und bemerkst vielleicht, wie sich dein Atem verändert. Du musst dabei nichts Besonderes erreichen. Du musst keine tiefen Erkenntnisse gewinnen. Du darfst einfach da sein. Vielleicht triffst du genau ins Schwarze. Vielleicht landet der Pfeil ziemlich weit daneben. Vielleicht musst du darüber lachen. Und vielleicht spürst du in diesem Moment etwas, das im Alltag manchmal zu kurz kommt. Freude. Nicht die grosse, spektakuläre Freude, für die man einen besonderen Anlass braucht. Sondern diese einfache, unmittelbare Freude am Tun. Am Ausprobieren. Am Lebendigsein.


Vielleicht ist Freude auch eine Form von Intelligenz


Wir investieren viel Zeit darin, besser zu werden. Wir bilden uns weiter, entwickeln Fähigkeiten, optimieren Abläufe und versuchen, unsere Ziele zu erreichen. Doch wie oft fragen wir uns, ob uns das alles eigentlich Freude bereitet? Nicht jede Aufgabe muss Spass machen. Nicht jeder Tag ist ein Fest. Aber vielleicht ist es klug, dem, was uns guttut, bewusst Raum zu geben. Zeit mit Menschen, die uns wichtig sind. Ein Spaziergang in der Natur. Ein gutes Gespräch. Ein gemeinsames Lachen. Oder eine neue Erfahrung, bei der wir für einen Moment die Zeit vergessen.

Vielleicht zeigt sich Herzintelligenz auch darin, solche Momente nicht als nebensächlich abzutun.

Sondern ihren Wert zu erkennen. Nicht, weil sie uns produktiver machen. Sondern weil sie unser Leben bereichern.


Und wer bekommt nun das letzte Wort?


Kehren wir nochmals zu unserer kleinen Sitzung zurück. Der Kopf hat inzwischen seine Berechnungen abgeschlossen. Der Bauch trommelt mit den Fingern auf den Tisch.

Und das Herz? Das hat noch immer dieselbe Frage: «Was ist dir wirklich wichtig?»

Vielleicht müssen wir uns gar nicht für einen der drei entscheiden. Vielleicht brauchen wir sie alle.

Einen klaren Verstand, der uns hilft, die Welt zu verstehen. Ein gutes Körpergefühl, das uns aufmerksam macht. Und ein offenes Herz, das uns an unsere Menschlichkeit erinnert. Denn ein erfülltes Leben besteht nicht nur aus richtigen Entscheidungen. Sondern auch aus Begegnungen, Erfahrungen, Überraschungen und Momenten, die uns berühren.


Vielleicht ist Herzintelligenz am Ende gar nicht die Kunst, mit dem Herzen zu denken. Sondern die Kunst, beim Denken das Herz nicht zu vergessen.


Und wenn wir dabei ab und zu etwas mehr lachen, staunen und spielen? Umso besser.

Denn das Leben will nicht nur verstanden werden. Es will auch erlebt werden.


Bogenimpuls


Der Kopf kennt viele Antworten.

Das Herz kennt deine Werte.

Und das Leben beginnt dort, wo beide ihren Platz haben.


Bogenkraft – Triff das Leben!

 
 
 

Kommentare


bottom of page