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Der Atem und der Bogen

Autorenbild: Mark Ehrsam
Mark Ehrsam
9. Okt.
3 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 26false16 GMT+0000 (Coordinated Universal Time)

Wir tun es rund 20'000 Mal am Tag. Ganz selbstverständlich. Und trotzdem schenken wir ihm erstaunlich wenig Aufmerksamkeit: unserem Atem. Einatmen. Ausatmen.


So einfach. So natürlich. Und doch vergessen wir im hektischen Alltag manchmal, wie wohltuend es sein kann, den eigenen Atem bewusst wahrzunehmen. Wir hetzen von Termin zu Termin, erledigen Aufgaben, beantworten Nachrichten und sind mit unseren Gedanken oft schon drei Schritte weiter.

Dabei begleitet uns etwas, das uns jederzeit in den gegenwärtigen Augenblick zurückbringen kann.

Unser Atem. Und was hat das mit einem Bogen zu tun? Erstaunlich viel.


Der Atem – unser ständiger Begleiter


Unser Atem verändert sich mit dem, was wir erleben. Wenn wir aufgeregt sind, atmen wir oft schneller. Wenn wir uns entspannen, wird die Atmung häufig ruhiger. Wenn wir uns stark konzentrieren, halten wir manchmal unbewusst die Luft an. Der Atem erzählt uns also einiges darüber, wie es uns gerade geht. Doch meistens hören wir gar nicht hin.


Beim intuitiven Bogenschiessen entsteht eine wunderbare Gelegenheit, das zu ändern.

Denn sobald wir einen Bogen in die Hand nehmen, beginnen wir, unseren Körper anders wahrzunehmen. Wie stehe ich? Wie fühlt sich die Spannung an? Bin ich locker oder verkrampft?

Und wie atme ich eigentlich?


Einatmen. Ausrichten. Spannen. Loslassen.


Stell dir vor, du stehst mit einem Bogen in der Hand. Du findest deinen Stand. Spürst den Boden unter deinen Füssen. Du atmest ruhig ein und aus. Dann richtest du dich auf dein Ziel aus, hebst den Bogen und ziehst die Sehne. Du spürst die Spannung im Körper. Und wenn der richtige Moment gekommen ist, lässt du los. Der Pfeil fliegt.


Vielleicht begleitet ein sanftes Ausatmen diesen Augenblick. Vielleicht entwickelt sich mit der Zeit ein ganz eigener Atemrhythmus. Es gibt dabei keinen Grund, den Atem krampfhaft zu kontrollieren oder möglichst lange anzuhalten. Im Gegenteil. Der Atem darf fliessen. Genau wie die Bewegung.


Spannung und Entspannung gehören zusammen


Ein Bogen ist ein faszinierendes Werkzeug. Ohne Spannung fliegt kein Pfeil. Doch die Spannung allein bringt ihn noch nicht ans Ziel. Erst das Loslassen setzt die gespeicherte Energie frei. Auch unser Körper kennt diesen Wechsel. Anspannen. Entspannen. Einatmen. Ausatmen. Aktivität. Ruhe.

Beides gehört zusammen.


Vielleicht ist genau das eine der schönsten Erfahrungen beim Bogenschiessen: Kraft und Gelassenheit müssen keine Gegensätze sein. Du kannst kraftvoll spannen und trotzdem locker bleiben. Du kannst konzentriert sein, ohne dich zu verkrampfen. Und du kannst loslassen, ohne die Kontrolle über deine Bewegung zu verlieren.


Was passiert, wenn du einfach einmal nachspürst?


Nach dem Schuss passiert häufig etwas ganz Typisches. Wir schauen sofort zur Zielscheibe.

Getroffen? Daneben? Wie weit weg? Dabei lohnt es sich manchmal, einen kleinen Moment länger bei sich zu bleiben. Wie fühlt sich dein Körper an? Sind deine Schultern entspannt? Wie fliesst dein Atem? Was hat sich bei diesem Schuss gut angefühlt?


Es braucht dafür keine komplizierte Methode und keine lange Übung. Manchmal reichen ein paar Sekunden. Einfach wahrnehmen, bevor der nächste Pfeil aufgelegt wird.


Der Atem als Anker im Hier und Jetzt


Unser Kopf kann überall sein. In der Vergangenheit. In der Zukunft. Bei Sorgen, Plänen oder Erinnerungen. Unser Atem dagegen findet immer im gegenwärtigen Augenblick statt. Wenn wir ihn bewusst wahrnehmen, richten wir unsere Aufmerksamkeit auf etwas, das genau jetzt geschieht.

Das macht ihn zu einem einfachen Anker für Achtsamkeit.


Beim Bogenschiessen kommt die Bewegung dazu. Du stehst, atmest, spannst, zielst und lässt los.

Für einen kurzen Augenblick greifen Aufmerksamkeit, Körpergefühl und Bewegung ineinander.

Vielleicht entsteht dabei dieses besondere Gefühl, das wir manchmal als Flow bezeichnen. Du denkst nicht mehr über jede einzelne Bewegung nach. Du bist einfach dabei.


Und manchmal darf es auch ein bisschen wild sein


Natürlich muss Bogenschiessen nicht immer ruhig und besinnlich sein. Manchmal geht es um eine lustige Challenge, einen überraschenden Treffer oder ein spannendes Duell. Da steigt der Puls. Man fiebert mit. Man jubelt, lacht oder ärgert sich kurz über einen Fehlschuss. Auch das gehört dazu.


Und gerade dann kann es spannend sein, den eigenen Atem zu beobachten. Wie fühlt sich Aufregung an? Wie verändert sich mein Atem, wenn ich mich freue? Was passiert, wenn ich vor dem nächsten Schuss einmal ruhig durchatme? Achtsamkeit bedeutet schliesslich nicht, ständig entspannt sein zu müssen. Sondern bewusst zu erleben, was gerade passiert. Auch Lebensfreude darf laut sein.


Ein Atemzug Lebensfreude


Vielleicht müssen wir gar nicht immer etwas Besonderes tun, um einen Moment der Ruhe zu finden.

Vielleicht reicht es manchmal, kurz innezuhalten.


Einzuatmen. Auszuatmen. Den Bogen zu spannen. Und den Pfeil fliegen zu lassen.


Nicht jeder Schuss muss perfekt sein. Nicht jeder Augenblick muss eine tiefere Bedeutung haben.

Manchmal ist es einfach schön, draussen zu stehen, den eigenen Atem zu spüren und etwas zu tun, das Freude macht.


Denn der Atem erinnert uns an etwas ganz Einfaches: Das Leben geschieht nicht irgendwann. Es geschieht mit jedem Atemzug.


Bogenkraft – Triff das Leben!

 
 
 

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